Enver Hoxha
Über die Bedeutung der islamischen Religion in den nationalen Befreiungskämpfen des Mittleren Ostens
(am Beispiel des Iran, 15.02.1979, Auszug aus dem politischen Tagebuch aus: Betrachtungen über den Nahen und Mittleren Osten, S. 242 ff., Übersetzung aus dem Spanischen)
Die antiimperialistische Revolution des iranischen Volkes wird einen tiefen Eindruck nicht nur im Mittleren Osten, sondern in der ganzen Welt, vor allem in der imperialistischen, kapitalistisch-revisionistischen Welt verursachen..
(...)
Die Revolution wurde vom iranischen Volk durchgeführt, von Männern und Frauen, Jungen und Alten. Es standen Arbeiter in der ersten Reihe der Kämpfe: die Ölarbeiter, gefolgt von anderen aus allen Zweigen der Wirtschaft.
Das Volk hat sich zu blutigen Demonstrationen erhoben, es schritt vorwärts, obwohl der Schah, der glaubte, es einschüchtern zu können, auf das Volk schoß und hunderte und tausende von Personen ermordete. Natürlich profitierte der Iman Chomeini von dieser objektiven Situation und erreichte es mit seinen Leuten, dieser beträchtlichen Gruppierung, wir können sagen: schiitischer Gläubiger, eine anscheinend sehr wichtige Rolle zu spielen, wie es alle Welt propagierte. Aber es ist notwendig darauf hinzuweisen, dass an diesem Volksaufstand vor allem Jugendliche beider Geschlechter, Männer und Frauen beteiligt waren, die die Fäuste erhoben und auf den Straßen ermordet wurden. (...)
Die westlichen Nachrichtenagenturen haben großes Aufheben um den Ayatollah Chomeini und seine schiitische Gruppe gemacht, als wäre er der Urheber; ohne den Einfluss der schiitischen Sekte und des religiösen Glaubens außen vor zu lassen, bin ich der Meinung, dass diese antiimperialistische Revolution des iranischen Volkes Klassencharakter trägt. Sie ist vor allem eine soziale Revolution und nicht eine religiöse Revolte. Deshalb kann sie aus unserer Sicht nicht als eine islamische Revolution bezeichnet werden. Sie wird aus vielen Gründen „islamische Revolution“ genannt, aber der Hauptgrund ist, dass damit den breiten Volksmassen eine große Wahrheit verschwiegen werden soll: dass nur eine Klassenrevolution die Ausbeuterklassen im Innern stürzen kann, die eng mit den ausländischen Imperialisten verbunden sind. Das ist der Grund, warum derartige Aufstände so dargestellt werden, als seien sie von der Religion angeführt. Auf diese Weise sehen wir einmal mehr, dass die Religion, dieses idealistische Element, benutzt wird wie ein mäßigendes und hemmendes Element für den revolutionären Fortschritt.
Außerdem versucht die westliche Welt, die kapitalistische Welt, der Revolution des iranischen Volkes einen Anstrich zu geben, als habe sie keinen Klassencharakter, sondern sei ein religiöser Kampf, und zwar mit dem Ziel, die falsche Idee zu erzeugen, dass die islamische Welt sich gegen die christliche Welt auflehnen würde. Das heißt, sie versucht die revolutionären Momente, die aktuell existieren und eine Lösung verlangen, Momente der proletarischen Revolution, wie Engels sie genannt hat, als religiöse Kämpfe mittelalterlichen Typs zu verkaufen, wie sie zwischen Katholiken und Protestanten geführt wurden. (...)
Es ist richtig, dass die arabische Welt im allgemeinen an die muslimische Religion glaubt. Nun gut, in der arabischen Welt existiert Hass gegen die Ausbeuter im Innern und die ausländischen Imperialisten, die mit dem Ziel, ihre Herrschaft zu errichten, auf allen Seiten intrigieren, ein Volk gegen das andere aufhetzen und dann, wenn sie sehen, dass sie das Spiel verlieren, wie es aktuell im Iran geschieht, die antifeudalen und antiimperialistischen nationalen Befreiungskämpfe als religiöse, islamische, anti-wissenschaftliche Konflikte darstellen. Sie agieren so genau in dem Moment, da der globale Kapitalismus eine schwere Krise durchmacht und keinen Ausweg findet. Aber all diese antiimperialistischen sozialen Revolutionen sind Ergebnis des Hasses des Volkes auf diejenigen, die ihm das Blut aussaugen. Das verursacht genauso Unzufriedenheit und große Streiks in den Vereinigten Staaten von Amerika, England, Frankreich, Italien, der Sowjetunion und vielen anderen Ländern. Mit dem Anstrich, den sie Bewegungen wie der im Iran geben, beabsichtigen die Imperialisten den Streikenden in ihren eigenen Ländern zu sagen: „Hier habt Ihr die Sorte Leute, mit denen wir es zu tun haben, mit Unwissenden, mit Leuten, die die Welt ins Mittelalter, zu den Religionskriegen zurückbringen wollen. Deshalb sehen wir uns gezwungen, die Fabriken zu schließen, die Arbeiter auf die Straße zu werfen, die Preise zu erhöhen, die Löhne zu verringern – weil das Öl aufhört zu fließen. Deshalb sind wir daran nicht schuld, die Kapitalisten, sondern die muslimischen Völker, die Araber.“
Dieses Vorgehen verbirgt eine teuflische Absicht, die wir entlarven müssen. Die Kämpfe für die nationale und soziale Befreiung – genau so im Mittleren Osten wie in Afrika oder jedwedem anderen Ort – sind antiimperialistische und nationale Befreiungskämpfe. Auch wenn in diesen Kämpfen aus dem einen oder anderen Grund das Proletariat nicht an der Spitze der Volksmassen steht und nicht über seine eigene Partei verfügt, werden die fortschrittlichen Elemente im Bündnis mit der im größten Elend lebenden Bauernschaft, die Land fordert, Bedingungen schaffen, die es ermöglichen, dass sich auch das kämpferische Proletariat erhebt, dass die wahre Partei der Arbeiterklasse ersteht, die wahrhafte Staatsführung, die wahrhafte Volksarmee, die dem Volk dient und nicht der neuen theokratischen Bourgeoisie, die sich dieses Mal mit angeblich demokratischen Formen kleidet.
(...)
Wir müssen allen, die uns zuhören wollen, die Dinge klar erklären, freimütig, so wie sie sind, ohne die religiösen Gefühle dieser großen revolutionären Klassenbewegung der arabischen Völker zu verletzen. Gleichzeitig müssen wir in der einen oder anderen Form aufzeigen, dass es sich nicht um einen islamischen Krieg handelt, wie es Carter (damaliger US-Präsident, Anm. d. Red.) und andere sagen, sondern um einen Kampf, eine Revolution der Armen gegen die Reichen.
| Roter Morgen 1/2009
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